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Einhörner

(Text von John Cherry)


Wenn man bedenkt, was für ein seltenes mystisches Tier das Einhorn ist, kann es nur verwundern, wie viel Glauben es fand und welche Symbolik es inspirierte. Sein Körper glich manchmal dem eines Pferdes und manchmal dem einer Ziege - das wichtigste unterscheidende Merkmal blieb also nur das Stirnhorn. Dieses war üblicherweise gerade, gelegentlich auch gewunden und noch seltener sägezahnförmig; es ermöglichte dem Tier, sich zu verteidigen und Feinde zu töten, zugleich konnte es alles Gift aus Flüssen oder Teichen ziehen. Unter mythischen Tieren ist das Einhorn besonders schwer zu fassen, weil es so scheu ist, dass es sich nur von einer Jungfrau fangen lässt.

Von der Seite gesehen wirkt jedes Tier mit zwei Hörnern, als besäße es nur eines; vielleicht war diese Beobachtung der Ausgangspunkt für die Erfindung des Einhorns. Eine andere Quelle war zweifellos das indische Panzernashorn, das einzige wirkliche Tier mit nur einem einzelnen Horn. Was auch immer aber die Ausgangspunkte gewesen sein mochten, der Glaube an Einhörner verbreitete sich - vor allem im mittelalterlichen Europa - sehr stark; seine wunderbaren Eigenschaften fachten die Begierde an, es auszuspüren. Wenn das Einhorn schon in der Literatur des klassischen Altertums als eine Seltsamkeit erwähnt wird, wurde es doch erst im christlichen Zeitalter zu einem festen Bestandteil von Allegorie und Mythos. Ein Einhorn zu fangen, wurde zunächst als friedlicher Vorgang angesehen. Erst später während des Mittelalters findet sich das grausame Erlegen des in die Falle gelockten Tiers. Die Vorstellung, die sich vor allem in Deutschland während des Mittelalters verbreitete, sah den Tod des Einhorns als Symbol für den Opfertod Christi an. Die Jagd auf das Einhorn wurde sogar zu einer Allegorie auf die Verkündigung der Geburt des Heilands durch den Engel Gabriel. Die Reformation lehnte diese Symbolik ab, was im Verein mit dem Aufkommen einer neuen vernunftgeleiteten Gelehrsamkeit und Forschung die Kraft dieses Mythos verminderte. In der Medizin und der Heraldik lebte das Tier jedoch weiter, und die Beispiele für den Glauben an die Existenz von Einhörnern lassen sich sogar noch im 19. Jahrhundert finden. Es ist diese lang andauernde Wirksamkeit und die Komplexität dieses Mythos, die heute unser Interesse am Einhorn hervorruft.

Literatur des klassischen Altertums

Die erste Beschreibung des Einhorns in der Literatur findet sich bei Ktesias, einem griechischen Arzt, der um 400 v. Chr. Am Hof der Perserkönige Artaxerxes II. und Dareios II. weilte. Seine Indienbeschreibung unter dem Titel Indika ist die eigentliche Quelle für viele fabelhafte Berichte über den Osten, darunter auch für solche Seltsamkeiten wie die kopflosen Menschen (die ihre Gesichter zwischen den Schultern tragen), die Schattenfüßler (die nur einen großen Fuß haben, den sie zum Schutz gegen den Sonne verwenden) und die Hundsköpfe (Menschen mit Hundeköpfen, die nicht sprechen, sondern nur bellen können). Unter den Tieren, die Ktesias beschreibt, befinden sich die Manticora, Greif und Einhörner. Letztere beschreibt er als

[...] wilde Esel, die so groß wie Pferde, oder wohl noch größer sind. Ihre Körper sind weiß, ihre Köpfe von dunklem Rot, die Augen von dunklem Blau. In der Mitte der Stirn tragen sie ein Horn von einer Elle Länge [ungefähr 45 Zentimeter]; die Wurzel dieses Horns ist schneeweiß [...], der vordere Teil ist spitz und von leuchtend roter Farbe; der Mittelabschnitt ist schwarz. Menschen, die aus diesen Hörnern trinken - denn man macht Trinkgefäße daraus -, sind angeblich gegen Krämpfe oder die Epilepsie gefeit. Ja, sie sind sogar gegen alle Gifte geschützt, wenn sie vor oder nach der Einnahme des Giftes Wein, Wasser oder etwas anderes aus diesen Behältnissen trinken. Dieses Tier ist außerordentlich schnell und kräftig, so dass kein anderes, auch nicht das Pferd, es überwinden kann. Sie bei der Jagd zu stellen, gibt es nur ein Mittel: wenn viele Reiter sie umstellen, während sie ihre Jungen zur Weide führen, fliehen sie nicht, weil sie ihre Jungen nicht im Stich lassen wollen. Im Kampf stoßen sie mit ihrem Horn zu; sie treten, beißen und schlagen aus gegen Pferde und Reiter. Schließlich werden sie mittels Pfeil und Speer erlegt, denn es ist unmöglich, die lebendig zu fangen.

Diese frühe Beschreibung des Einhorns enthält bereits einige seiner wesentlichen charakteristischen Züge - das einzelne Horn; die magische Fähigkeit, Gift aufzulösen; seine Schnelligkeit und Wildheit sowie die Unmöglichkeit, jene Tiere anders als auf listige Weise zu erjagen. ...

Quelle:

Fabeltiere. Von Drachen, Einhörnern und anderen mythischen Wesen. Fabeltiere. Von Drachen, Einhörnern und anderen mythischen Wesen.
von John Cherry
Gebundene Ausgabe - 318 Seiten - Reclam, Ditzingen
ISBN: 3-150-10429-7





Steckbrief

Bekannte Namen:Einhorn (deutsch)
unicorn (englisch)
licorne (französisch)
unicornus, monoceros (latein)
alicorno (italienisch)
Erstes Auftreten:vor über 5000 Jahren
Wohnort:Hauptsächlich in Europa, aber auch in Mittel- und Ost-Asien
Aussehen:Gleicht einem weißen Pferd mit einem in sich gewundenen Horn auf der Stirn. Viele Arten haben jedoch gespaltene Hufe, ähnlich einer Antilope und den Schwanz eines Löwen. Außerdem wurde von Exemplaren mit Ziegenbart oder gar Löwenmähne berichtet.

Weniger bekannt ist das schwarze Einhorn, dessen Horn blutrot bis schwarz schimmert.
Ansehen:Das Einhorn stand für viele Dinge. Oft Tugenden wie Ehrlichkeit und Reinheit...
Im christlichen Sinne später dann für Jungfräulichkeit als Symbol für die heilige Maria. Demzufolge konnte das Einhorn nur mit Hilfe einer Jungfrau gebändigt werden bevor man es tötete, um an sein wertvolles Horn zu kommen. Aber auch schon vor dem Christentum war es ein Göttersymbol. Als Zeichen des Mondes gehörte es ebenfalls zu der griechischen Artemis, (jungfräuliche) Göttin des Mondes und der Jagd, die spätere römische Diana.
Das Horn:Ein Pulver des Horns soll jegliches Gift neutralisieren, oder das Horn selbst soll bluten, wenn Vergiftetes in seine Nähe kommt.
Tätigkeiten:Hauptsächlich den Baum des Lebens beschützen.







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