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Fafnir, der weise Drache

Der neben dem heiligen Georg in Deutschland bekannteste Drachenkämpfer ist und bleibt zweifellos Siegfried. Bei seinem Namen denkt man an den Lindwurm, an dessen Blut, in dem der Held badet und das ihn unverwundbar macht, und an ein Lindenblatt, das ihm schließlich zum Verhängnis wird. Im Allgemeinen verbindet man mit dem Drachen auch den Namen Fafnir/Fafner und den Schatz der Nibelungen, den er hütet. Ganz so einfach ist die Sache aber leider nicht, denn es gibt durchaus eine Reihe von verschiedenen Versionen der Sage, die teilweise den Eindruck von eigenständigen Erzählungen entstehen lassen. Da ist zum einen das wohl bekannte Niebelungenlied (um 1200); dann sind da mehrere Lieder der älteren Edda sowie die Thidrekssaga (zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts). Dann haben wir da noch das Lied vom Hürnen Seyfrid, das erst einige Jahrhunderte später aufgezeichnet wurde, aber in manchen Teilen genauso wie die altnordischen Dichtungen ist, sowie das umfangreichere Volksbuch von dem gehörnten Siegfried. In diesen Testen variieren nicht nur die Namen, auch die Lebensgeschichte des Haupthelden unterscheidet sich jeweils. Hinzu kommt, dass ausgerechnet im Nibelungenlied Siegfrieds Drachenkampf - anders als etwa in Wagners Ring des Nibelungen - nur am Rand erwähnt wird. Hagen von Tronje erzählt König Gunther da von Siegfrieds Heldentaten und sagt unter anderem:

Noch eine Mär weiß ich; die ist mir wohlbekannt:
Einen Linddrachen erschlug des Helden Hand.
Dann badet' er im Blut. So ward dem Helden wert
die Haut von solcher Härte, dass keine Waffe sie versehrt.


Also sei ihr zunächst kurz die Sigurd-Version der Edda erzählt und anschließend die ausführlichere Geschichte des hürnernen Seyfried.

"Siegmund war König in Frankreich. Er starb und hinterließ mehrere Kinder, darunter Sigurd, von allen der Stärkste und Edelste. Er wuchs beim Zwerg Regin auf, der ihn ausbildete, erzog und ihm ein Schwert schmiedete, damit er es im Kampf gegen den Drachen Fafnir benutzte; dieser war laut Vösungasaga ursprünglich ein Mensch gewesen und beging aus Gier nach dem Schatz Vatermord. (Regin ist, nebenbei gesagt, de facto der Bruder des Fafnir, aber auf die recht Verwickelten Familien- und Verwandlungsverhältnisse der Brüder näher einzugehen, würde hier zu weit führen.)

Eines Tages war es dann so weit, dass Sigurd und Regin zusammen zur Gnitaheide fuhren. Dort fanden sie die tiefe Spur, die der Drache im Laufe der Jahre hinterlassen hatte, wenn er zum Wasser kroch, und Sigurd grub genau dort ein Loch und versteckte sich darin.

Als Fafnir des Weges kam, stach ihm Sigurd von unten das Schwert direkt ins Herz. Der Drache jedoch war keineswegs sofort tot, sondern schüttelte sich und schlug mit dem Schweif, während der Held aus der Grube heraussprang. Nun standen sich Lindwurm und Mann gegenüber und begannen ein höchst wunderliches Zwiegespräch, das aus höflichen Fragen und ebenso höflichen Antworten bestand und einer gewissen Komik nicht entbehrt.

Dann stand also Sigurd, das triefende Schwert in der Hand, vor dem Lindwurm, der sich in seinem Blut wälzte und in den letzten Zügen lag, und nun fragte der sterbende Drache beispielsweise:

"Was reizte dich? Wie ließest du dich reizen
Mein Leben zu morden,
blauäugiger Knabe?"
Und Sigurd darauf:
"Mich reizte das Herz: die Hände vollbrachten's
Und mein scharfes Schwert."


Als Sigurd einsah, dass der Drache ausgesprochen weise und "vorschauend" war, übernahm er das Fragen und erkundigte sich nach allem Möglichen, was ihm auf dem Herzen lag. Und Fafnir gab bereitwillig und freundlich, ja, wie es ein Forscher ausdrückt, "väterlich" wohlmeinend Auskunft. Zuletzt warnte er Sigurd vor dem Zwerg Regin und starb. Sigurd war ehrlich traurig über den Tod des Drachen und bereute zutiefst, wozu er sich vom Zerg hatte anstiften lassen.

Der aber kümmerte sich nicht um den Vorwurf, der ihm der Held machte, schnitt unentwegt dem Drachen das Herz aus dem Leib, trank zunächst vom daraus tropfenden Blut und ließ es sich dann braten. Um zu sehen, ob es schon gar war, stupste Sigurd es an und leckte sich anschließend den Finger ab. Da verstand er mit einem Mal die Sprache der Vögel, weil ihm das Herzblut Fafnirs auf die Zunge gekommen war.

Just in diesem Augenblick unterhielten sich in der Nähe zwei Adlerweibchen, und Sigurd hörte, wie sie von einem geplanten Verrat sprachen, den Regin an ihm begehen wollte, und dass es das Beste sei, den Zwerg zu töten, damit er allein den Schatz des Fafnir besitzen könnte. Sigurd besann sich nicht lange, schlug dem kleinen Unheilstifter den Kopf ab, aß sowohl dessen Herz wie dasjenige des Drachen und trank das Blut von beiden. Dann folgte er der Spur des Drachen zu dessen Behausung, belud sein Pferd mit Schätzen und ritt davon - weiteren Taten entgegen."

So weit die ältere Edda. Bei Wagner ebenso wie in der Völsungasaga ist der Schatz verflucht, und der sterbende Drache warnt Siegfried mit den Worten: "Des Hortes Herrn umringt Verrat ... Merk', wie's endet; - acht auf mich." Siegfried erbt also den Fluch und dementsprechend traurig ist sein Ende.
Man beachte, dass es eigentlich der Zwerg war und keineswegs Sigurd, der es auf den Drachen und den von ihm gehüteten Schatz abgesehen hatte.

So oder so ist es also keine besonders fröhliche Geschichte - und das nicht nur, weil am Ende der Held stirbt. Weder in der Edda noch im Volksbuch haben wir es mit einem wirklich bösen Drachen zu tun. Der eine, Fafnir, ist weise und hat ein so edles Herz, dass er nicht nur seinem Mörder in wohlgesetzten Worten seine Herzensfragen beantwortet, sondern ihn schließlich auch noch vor seinem Feind, dem Zwerg, warnt. Hierin gleicht er neben einer Reiche von Fantasy Drachen ganz und gar Frau Mahlzahn, der Drachin in Michael Endes Jim Knopf, die ebenfalls - zumindest nach ihrer Verwandlung - kluge Ratschläge erteilt.
Der Volksbuch-Drache hatte zugegebenermaßen eine Jungfrau geraubt, was natürlich nicht rechtens ist; aber er tat es nicht, um sie zu fressen, er tat es aus Liebe. Er krümmte ihr kein Haar und trug sie auf Händen. Man kann ihm also gleichfalls einen "Ahnen" der liebenden Drachen der heutigen Fantasy-Literatur sehen.

Quelle:
Das Drachenbuch Das Drachenbuch
von Ditte & Giovanni Bandini
Gebundene Ausgabe - Marixverlag
ISBN: 3-865-39023-4


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